Die Geschichte der Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft

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Ein Bauträgerverein in München
(später in Dornach)


als solcher mit ganz wenigen, stimmberechtigten Mitgliedern und
von Anfang an hierarchisch strukturiert

Diese Seite ist noch in Bearbeitung.
Hier wird die Entstehungs- und Entwicklungsgeschichte der
Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft
ausführlich dargestellt.

Neben der freien Mitgliedergesellschaft mit dem Namen «Anthroposophische Gesellschaft», die für Tausende von Menschen unterschiedlichster religiöser, politischer, gesellschaftlicher oder weltanschaulicher Herkunft ein verbindender «Heimatort» sowie ein kultureller Kraftquell hätte werden sollen, gab es seit 1911 einen Bauträgerverein mit dem Namen «Johannesbau-Verein». Dieser Verein wurde für völlig andere Aufgaben geschaffen. Auf dieser Seite werde ich die Entstehungs- und Entwicklungsgeschichte dieses Vereins darstellen.
Dabei wird deutlich werden, dass die große Tragik in der Entwicklungsgeschichte der «Anthroposophischen Gesellschaft» darin besteht, dass diese freiheitlich strukturierte Mitgliedergesellschaft in einen für vollkommen andere Aufgaben geschaffenen Bauträgerverein aufgenommen wurde, was niemals die Absicht Rudolf Steiners gewesen war!
Mit dieser schrittweisen «Verschmelzung», die während einer General-Versammlung am 29. Dezember 1925 begonnen hatte, gab es die von Rudolf Steiner konzipierte «modernste Gesellschaft die es geben kann» nicht mehr. Diese Gesellschaft, die weltweit kulturbelebend hätte wirksam werden sollen, ist an diesem Tag in einen Dornröschenschlaf verfallen. Ich verwende in diesem Zusammenhang auch gerne die Bezeichnung «Kaspar-Hauser-Schicksal» der Anthroposophischen Gesellschaft, da sie in eine Einheitsgesellschaft geraten ist und sich bis heute nicht aus dieser Gefangenschaft befreit konnte.

Zu meiner Methode:

Die Vorgänge, die auf diesen Seiten dargestellt werden, sind sehr komplex, und sie sind durch die Geschehnisse während der inzwischen annähernd einhundertjährigen Geschichte noch verwirrender geworden. Daher besteht die Gefahr, dass eine Beschreibung dieser Vorgänge und Entwicklungen sich in unzähligen wichtigen und weniger wichtigen Einzelheiten verliert.

Aus diesem Grund versuche ich dieser Gefahr zu begegnen, indem ich es in meinen Darstellungen vermeide, die Vorgänge bis in die letzten kleinen Details beschreiben zu wollen. Ich bemühe mich alles so darzustellen, dass der «Rote Faden» immer sichtbar bleibt. Und dieser «Rote Faden» ist:

Bis 1925 gab es zwei Institutionen mit ganz unterschiedlichen Zielen und Aufgaben. Und weil diese Institutionen für ganz unterschiedliche Aufgaben geschaffen wurden, wurden sie bei ihrer Gründung auch vollkommen unterschiedlich strukturiert.
Die Gesellschafts- bzw. Vereinssatzungen der «Anthroposophischen Gesellschaft» und der «Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft» waren in ihrer jeweiligen Struktur völlig unterschiedlich gestaltet. Zudem hatten diese beiden Institutionen bis zu diesem Zeitpunkt noch zwei völlig andere Mitgliedschaften.
Die Anfänge:

1910 - 1913 fanden in München die Uraufführungen der vier Mysteriendramen von Rudolf Steiner statt. In diesem Zusammenhang wurde versucht, in München einen künstlerisch angemessenen Bau für solche Anlässe zu erstellen. So entstanden die Pläne für den Johannesbau, der als Doppelkuppelbaus in der Ungererstraße entstehen sollte. 1911 wurde zu diesem Zwecke der «Johannesbau-Verein» gegründet.
Nachdem dieses Bauvorhaben im Januar 1911 bei der Baubehörden scheiterte, wurde die Initiative für den Johannesbau nach Dornach verlegt. Diese neue Möglichkeit in der Schweiz ergab sich, nachdem in diesem nahe bei Basel gelegenen kleinen Ort von Emil Grosheintz ein geeignetes Baugrundstück zur Verfügung gestellt wurde. Bereits im September 1913 konnte mit den Bauarbeiten des Goetheanums begonnen werden.

In mehreren Schritten ist aus diesem «Johannesbau-Verein» die heutige «Allgemeine Anthroposophische Gesellschaft» entstanden.

«Johannesbau-Verein»

April 1911
Vereinsgründung in München


Frühjahr 1912
Verlegung des Vereins nach Dornach

22. September 1913
Eintragung ins Handelsregister von Dornach, Kanton Solothurn


1. November 1918
Namensänderung in:

«Verein des Goetheanum der Freien Hochschule für Geisteswissenschaft»


8. Februar 1925
Satzungserweiterung und Namensänderung in:

«Allgemeine Anthroposophische Gesellschaft»


Unterseiten in chronologischer Folge

  • Johannesbau-Verein, Gründung 1911 in München

    1910 - 1913 fanden in München die Uraufführungen der vier Mysteriendramen von Rudolf Steiner statt. In diesem Zusammenhang wurde versucht, in München einen künstlerisch angemessenen Bau für solche Anlässe zu erstellen. So entstanden die Pläne für den «Johannesbau», der als Doppelkuppelbau in der Ungererstraße entstehen sollte.

    Im April 1911 wurde zu diesem Zwecke der «Johannesbau-Verein» mit folgenden leitenden Vorstandsmitgliedern gegründet:

    • 1. Vorsitzender
      Sophie Stinde
    • 2. Vorsitzender
      Hermann Linde
    • Schriftführer
      Gräfin Pauline von Kalckreuth
      und
      Dr. Felix Peipers
    • Kassier
      Graf Otto Lerchenfeld

    Rudolf Steiner wirkte als künstlerischer Beauftragter und Berater mit, wurde selbst jedoch nicht Vereinsmitglied.

    Nach der Eintragung des Vereins ins Handelsregister der Stadt München erwarb der «Johannesbau-Verein» das Baugelände in der Ungererstraße. Dieser Verein sollte zudem Vermögensträger für den geplanten «Johannes-Bau» werden.

  • 1913: Johannesbau-Verein, Sitzverlegung des Vereins Dornach

    Das Bauprojekt «Johannesbau» stieß bei den Baubehörden in München sowie bei den umliegenden Anwohnern auf erheblichen Widerstand. Deshalb wurde die Initiative für den «Johannesbau» nach Dornach in die Schweiz verlegt. Diese neue Möglichkeit ergab sich, nachdem von Emil Grosheintz in diesem kleinen Ort in der Nähe von Basel ein geeignetes Baugrundstück für ein solches Bauprojekt zur Verfügung gestellt wurde.

    Auch der Sitz des Vereins wurde nach Dornach verlegte, wo er Vermögensträger für den Johannesbau wurde und als solcher 1913 ins Handelsregister eingetragen werden musste.

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    Zur Struktur dieses Vereins:

    Der «Johannesbau-Verein» sollte Vermögensträger des geplanten Baues werden und zudem Träger einer Freien Hochschule für Geisteswissenschaft. Deshalb wurde er von Anfang an mit «hierarchisch strukturierten Statuten» versehen. Auch wurde die Anzahl der Mitglieder bewusst klein gehalten. Bei der Vereinsgründung am 22. September 1913 waren es lediglich 12 «ordentliche«, stimmberechtigte Mitglieder. Der Kreis dieser 12 stimmberechtigten Mitglieder bildete zugleich den Vereinsvorstand.
    Emil Grosheintz, der das Baugelände in Dornach organisiert und zur Verfügung gestellt hatte, wurde jetzt 2. Vorsitzender, und nach dem Tode Sophie Stindes im Jahre 1915 wurde Emil Grosheintz 1. Vorsitzender des «Johannesbau-Vereins«.

    Zur Struktur dieses «Bauvereins» gehörte zudem, dass es in dessen Vereinsstatuten immer einen «Ausschluss-Paragraphen» gab, nach dem ein Mitglied jederzeit und ohne Angaben von Gründen durch den Vorstand aus dem Verein ausgeschlossen werden konnten. Außerdem gehörte es zu den Aufgaben des Vorstandes, über die Aufnahme von Mitgliedern zu entscheiden.

    In diesen Fragen der Vereinsstruktur bestand von Anfang an ein zentraler Unterschied zur 1923/1924 gegründeten «Anthroposophische Gesellschaft». In dieser freien Mitgliedergesellschaft war es den Mitglieder und örtlichen Gruppen überlassen, über die Aufnahme von neuen Mitgliedern zu entscheiden.


    Bereits im September 1913 wurde mit den Bauarbeiten des Goetheanums, wie der Bau später genannt wurde, begonnen. Nach der Grundsteinlegung am 20. September 1913 gingen die Bauarbeiten sehr zügig voran, so dass schon am 1. April 1914 das Richtfest gefeiert werden konnte.

    Richtfest Erstes Goetheanum, 1914
  • 1. November 1918: «Verein des Goetheanum, der Freien Hochschule für Geisteswissenschaft»

    Nachdem sich für das Gebäude auf dem Dornacher Hügel der Name «Goetheanum» eingebürgert hatte, wurde im Jahre 1918 auch der Vereinsname geändert in «Verein des Goetheanum, der Freien Hochschule für Geisteswissenschaft». Wie bisher gab es auch weiterhin nur sehr wenige «ordentliche», d.h. entscheidungsberechtigte Mitglieder. Dies waren im Wesentlichen die Menschen, welche die Idee des Baues schon während der Münchner Zeit gefördert oder jetzt in der Schweiz das Dornacher Gelände geschenkt bzw. größere Geldsummen gespendet hatten.

    Der Vorstand war nach wie vor identisch mit dem Kreis der stimmberechtigten Mitglieder. Zu diesem kleinen Kreis der Entscheidungsträger kamen ca. 600 «beitragende Mitglieder» (Fördermitglieder) sowie ca. 500 «außerordentlichen Mitglieder». Letztere bezahlten einen etwas höheren Mitgliedsbeitrag und waren berechtigt, an den Mitgliederversammlungen teilzunehmen, sie hatten dabei aber keinerlei Stimmrecht.

    Durch die Beschlüsse dieser Generalversammlung war der Verein jetzt nicht nur Vermögensträger des Baues, er wurde zusätzlich Träger der in der Entstehung befindlichen «Freien Hochschule für Geisteswissenschaft».

  • Silvester 1922/1923: Brand des ersten Goetheanums
    Goetheanum

    Sechs Jahre nach dem Richtfest konnte im Jahre 1920 der auf einem Betonfundament stehende und komplett aus Holz erbaute Doppelkuppelbau fertiggestellt werden. Menschen unterschiedlichster Nationalitäten hatten während des 1. Weltkrieges und auch noch in der Zeit danach unter schwierigsten Bedingungen am Innenausbau in diesem »Haus des Wortes« mitgewirkt.

    «Und es kam der furchtbare Krieg. Wenn auch das Tempo des Aufbaues des Goetheanums während des furchtbaren Krieges sich wesentlich verlangsamt hatte, eine Bresche in den Geist anthroposophischen Zusammenwirkens ist dadurch eigentlich nicht geschlagen worden. Die Dornacher Baustätte war tatsächlich innerhalb von Völkerfeindschaft und Völkerkampf eine Stätte, auf der Repräsentanten einer großen Anzahl einander bekriegender europäischer Nationen in friedvoller Arbeit, in liebevollem Miteinanderfühlen zusammen arbeiteten und zusammen dachten und zusammen wirkten. Und vielleicht darf es ohne Unbescheidenheit gesagt werden: die Liebe, die in diesen Bau hineingebaut worden ist, sie darf gezeigt werden, wenn einmal gesprochen werden wird in kulturhistorischem Sinne von demjenigen, was an Wellen des Hasses zwischen den Jahren 1914 und 1918 in der zivilisierten Menschheit entfacht worden ist.»


    Rudolf Steiner:
    Anthroposophische Gemeinschaftsbildung
    GA 257

    Leider gibt es nur wenige Fotographien aus dem Inneren des Goetheanums.

    Die zwei farbig bemalten und sich durchdringenden Kuppeln über dem Zuschauer- und Bühnenraum, die 2 x 7 und 2 x 6 tragenden und aus unterschiedlichen Hölzern geschnitzten Säulen mit ihren Sockeln, Kapitälen und Architraven sowie die geschliffenen, bunten Glasfenster mussten bei den Besuchern einen überwältigenden Eindruck hinterlassen haben.

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    Grundriss

    Modell Bühnenraum

    Auch wenn auf den Besucher und Betrachter dieses Baus die vielfältigsten Bilder und Motive einwirkten, Rudolf Steiner wollte mit diesem Gesamtkunstwerk nicht den nach Erklärungen strebende Intellekt, sondern den ganzen Menschen ansprechen.

    «Nicht will diese Geisteswissenschaft etwa ausbilden eine abstrakt symbolische oder eine stroherne allegorische Kunst, die bloß das Didaktische in äußere Formen zwängt, nein, das ist durchaus nicht der Fall, sondern dasjenige, was ins Wort gebracht wird durch diese Geisteswissenschaft, kann durch das Wort wirken, kann sich durch das Wort gestalten. Es kann gesprochen werden von geistigen Vorgängen, von geistigen Wesenheiten der übersinnlichen Welt, indem man zu Ideen und zu den Ausdrucksmitteln der Ideen, zu den Worten, seine Zuflucht nimmt. Aber dasjenige, was dahinter steht, was sich eben auf diese Weise offenbaren will, ist viel reicher, als was ins Wort, in die Idee hineinkommen kann, drängt in die Form, in das Bild, wird von selbst zur Kunst, zur wirklichen Kunst, nicht zu einem allegorischen oder symbolischen Aussprechen. So ist es nicht gemeint, wenn von Dornacker Kunst die Rede ist.

    Das ist in Dornach versucht worden: der ganze Bau, die ganze Architektur ist so, daß sie aus dem Ganzen heraus gedacht ist und daß jedes einzelne an seinem Orte ganz individuell so gestaltet ist, wie es an diesem Orte sein muß.»

    Rudolf Steiner:
    Der Baugedanke des Goetheanum
    Bern, 29. Juni 1921

    «Als ich den ersten Kursus, der im September und Oktober 1920 im Goetheanum abgehalten worden ist, eröffnen durfte, schien es mir vor allem geboten, darauf aufmerksam zu machen, wie in der Anthroposophie geisteswissenschaftliche Erkenntnis, künstlerische Gestaltung und religiöse Innerlichkeit aus einer Quelle gesucht werden. In der Eröffnungsrede wies ich kurz darauf hin, und in Vorträgen «über den Baugedanken in Dornach» wollte ich zeigen, wie im Goetheanum die Kunst aus derselben Geistigkeit geschöpft worden ist, die in Ideen sich offenbaren will, wenn Anthroposophie in der Erkenntnisform auftritt.»

    Rudolf Steiner:
    Das Goetheanum in seinen zehn Jahren

    Drei Jahre nach der Fertigstellung wurde der Goetheanum-Bau ein Opfer der Flammen. Ein unvorstellbar schmerzhafter Verlust für alle, die diesen Bau erlebt, vor allem aber für all diejenigen, die über Jahre eigenhändig an diesem großen Werk mitgearbeitet hatten.

    Goetheanum, Goetheanunbrand

    Unmittelbar nach der Brandnacht, am 1. Januar 1923, spricht Rudolff Steiner vor einer Aufführung des Dreikönisgsspiels folgende Worte zu den anwesenden Zuschauern:

    «Meine lieben Freunde! Der große Schmerz versteht zu schweigen über dasjenige, was er fühlt. Und deshalb werden Sie mich auch verstehen, wenn ich ganz wenige Worte nur, bevor wir das Dreikönigsspiel beginnen, zu Ihnen spreche.
    Das Werk, welches durch die aufopfernde Liebe und Hingabe zahlreicher für unsere Bewegung begeisterter Freunde innerhalb von zehn Jahren geschaffen worden ist, ist in einer Nacht vernichtet worden. Es muß selbstverständlich gerade heute der schweigende Schmerz aber empfinden, wie viel unendliche Liebe und Sorgfalt unserer Freunde in dieses Werk hineingetan worden war. Und dabei möchte ich es zunächst, meine lieben Freunde, eigentlich bewenden lassen.»

    Rudolf Steiner:
    Das Schicksalsjahr 1923 in der Geschichte der Anthroposophischen Gesellschaft
    GA 259

    Und einen Monat nach dem Brand sprach Rudolf Steiner in einem Vortrag in Dornach:

    «Das seit zehn Jahren im Bau begriffene Goetheanum in Dornach ist nicht mehr. Die Anthroposophische Gesellschaft hat diesen Bau verloren. Sie hat damit außerordentlich viel verloren. Man muß sich nur klarmachen, was aus der Anthroposophischen Gesellschaft durch den Bau des Goetheanums geworden ist, und man wird, wenn man die Größe des Verlustes in der richtigen Art sich allmählich vor Augen führt, auch die Größe des Schmerzes ermessen, für die es keine Worte gibt, die Größe jenes Schmerzes, der uns geworden ist durch die furchtbare Brandkatastrophe in der Neujahrsnacht 1922 auf 1923. Bis zu dem Zeitpunkte, wo wir 1913 den Grundstein zum Dornacher Goetheanum legen konnten, war die Anthroposophische Gesellschaft als Hüterin der anthroposophischen Bewegung in einem gewissen Gebiete der Welt durch ihre einzelnen Zweige verbreitet. Und aus dem Schöße dieser Gesellschaft heraus ist ja dann der Impuls entstanden, einen eigenen Zentralbau aufzurichten. Vielleicht wird man gerade hier doppelt all das durchempfinden können, was die gesamte Anthroposophiche Gesellschaft erleidet, indem sie diesen Zentralbau verloren hat. Denn hier in Stuttgart ging die Anthroposophische Gesellschaft mit jenem Bau voran, in dem wir seit vielen Jahren schon unsere Tätigkeit entfalten dürfen. Daher wird man hier wissen, was es heißt, von einem eigenen, der anthroposophischen Bewegung würdigen Baurahmen umgeben zu sein.»

    Rudolf Steiner:
    Anthroposophische Gemeinschaftsbildung
    GA 257

    Nach dem Brand wird schon bald darüber nachgedacht, das Goetheanum in völlig anderer Gestalt neu aufzubauen. Es sollte jetzt ein Bau ganz aus Beton werden, obwohl dies ein Baumaterial war, mit dem man für ein Bauvorhaben dieser Größe noch sehr wenig Erfahrung hatte. Der Grundstock der Finanzierung bildete die Geldsumme, die der «Verein des Goetheanum, der Freien Hochschule für Geisteswissenschaft» aus der Brandversicherung erhalten sollte. Im Unterschied zum 1. Goetheanum, bei dem für Rudolf Steiner die Innengestaltung im Vordergrund stand, entwarf Rudolf Steiner für das 2. Goetheanum zuerst ein Außenmodell, welches die Grundlage für die Baueingabe bei den zuständigen Behörden war.

    Goetheanum, Goetheanunbrand
    Goetheanum, Goetheanunbrand

    Nach dem verheerenden Brand plante Rudolf Steiner nicht nur ein völlig anders gestaltetes 2. Goetheanum, er forderte darüber hinaus, dass auch die Anthroposophische Gesellschaft grundlegend neu strukturiert werden muss.

    «Denn wenn heute der Wunsch auftaucht, so etwas wie ein Goetheanum wiederum zu erbauen, so ist es vor allen Dingen notwendig, daß wir uns bewußt sind: Ohne eine dahinterstehende starke, energische Anthroposophische Gesellschaft ist ein solcher Wiederaufbau ohne Sinn. Der Wiederaufbau hat nur einen Sinn, wenn hinter ihm eine ihrer selbst bewußte, ihrer Pflichten eingedenke, starke Anthroposophische Gesellschaft steht. Demgegenüber darf aber nicht vergessen werden, welches die Bedin- gungen für das Bestehen einer solchen starken Anthroposophischen Gesellschaft sind.

    Möge der Dornacher Brand ein Wahrzeichen sein zu dem Willen, unsere Kräfte im Sinne der Anthroposophischen Gesellschaft recht zu erstarken, zu erstarken zu redlichem, ehrlichem Zusammenwirken.»

    Rudolf Steiner:
    Anthroposophische Gemeinschaftsbildung, 1. Vortrag
    GA 257

    Ein Jahr nach der Vernichtung des 1. Goetheanums wurde die «Anthroposophische Gesellschaft» als «freie Mitgliedergesellschaft» während der Weihnachtstagung 1923/1924 neu gegründet. Diese wichtige Gründungsversammlung fand neben der Bauruine in den Räumlichkeiten der Schreinerei statt. Doch diese Neugründung wird hier nicht weiter beschrieben, weil ich auf dieser Seite so weit wie möglich nur auf die Geschichte und Entwicklung des «Bauvereins« eingehe möchte, also auf den «Verein des Goetheanum, der Freien Hochschule für Geisteswissenschaft», aus dem dann die heutige «Allgemeine Anthroposophische Gesellschaft» hervorgegangen ist.

  • 29. Juni 1924: Dritte außerordentliche Generalversammlung des «Bauvereins»

    Am 29. Juni 1924 fand die 3. außerordentliche Generalversammlung des «Verein des Goetheanum, der Freien Hochschule für Geisteswissenschaft» statt.
    Zu dieser Generalversammlung waren die wenigen Mitglieder dieses Bauvereins eingeladen. Im Protokoll von Notar Altermatt ist festgehalten, dass von den 12 ordentlichen (stimmberechtigten) Mitgliedern sieben anwesend bzw. vertreten waren! Die vielen Tausend Mitglieder der Anthroposophischen Gesellschaft waren nicht eingeladen und hatten daher größtenteils auch keine Kenntnis von dieser Versammlung, denn was hier besprochen und entschieden wurde, betraf ja den Bauverein, und nicht ihre freie Mitgliedergesellschaft.

    Ziel dieser Generalversammlung war es, eine sinnvolle Gliederung zwischen den beiden bestehenden Institutionen, der «Anthroposophischen Gesellschaft» und dem «Verein des Goetheanum, der Freien Hochschule für Geisteswissenschaft» vorzubereiten.

    Schon ein halbes Jahr davor, während der Gründungsversammlung der «Anthroposophischen Gesellschaft», hatte Rudolf Steiner bei einer Fragebeantwortung während einer Sitzung mit den Vorständen und den Generalsekretären der Landesgesellschaften darauf hingewiesen, dass das Verhältnis dieser zwei Institutionen noch geklärt werden müsse.

    Fräulein Schwarz stellt Fragen.

    Rudolf Steiner:
    «Der «Verein des Goetheanum» kann ja nur Beiträge bekommen für den Aufbau des Goetheanums. Und der Aufbau des Goetheanums hat mit der Verwaltung der Anthroposophischen Gesellschaft nichts zu tun. Also das sind zwei ganz verschiedene Sachen. Sie meinen doch die Mitgliedsbeiträge für den «Verein des Goetheanum»? Dieses Verhältnis der Anthroposophischen Gesellschaft zum Bauverein Goetheanum, das ist ja etwas, was noch in diesen Tagen besprochen werden kann.»

    Rudolf Steiner:
    Fragebeantwortung am 29. Dezember 1923
    GA 257

    Im Rahmen der hier beschriebenen Generalversammlung des «Verein des Goetheanum, der Freien Hochschule für Geisteswissenschaft» führte nun Rudolf Steiner erstmals ausführlich aus, wie er die Verbindung dieser zwei unabhängigen Institutionen «projektiert» hat. Er schilderte, wie die «rein realen Dinge», also die real vorhandenen Institutionen, in eine ihnen angemessene Verbindung gebracht werden können. Dabei handelte es sich insgesamt um «vier Strömungen», zwei davon waren die beiden bestehenden Institutionen, deren Entwicklung auf diesen Internetseiten bisher beschrieben werden:

    1. Die Anthroposophische Gesellschaft mit der in dieser eingebundenen «Freien Hochschule für Geisteswissenschaft».

    2. Der «Verein des Goetheanum, der Freien Hochschule für Geisteswissenschaft», von dem auf dieser Internetseite die Rede ist.

    Neben diesen zwei Einrichtungen nannte Rudolf Steiner noch zwei weitere «reale Strömungen», die er in die zu schaffende Gesamtkonstruktion einbinden wollte:

    3. Den Philosophisch-Anthroposophischen Verlag, begründet und geleitet von Marie Steiner.

    4. Das Klinisch-Therapeutische Institution, begründet und begleitet von Dr. Ita Wegman.

    Über die Vorgänge, die hier beschrieben werden, wussten die allermeisten Mitglieder der «Anthroposophischen Gesellschaft» jahrzehntelang nichts, denn erst gute 40 Jahre danach, im Jahre 1966, wurden im Band 260a der Rudolf Steiner Gesamtausgabe die ersten Dokumente dazu veröffentlicht. Und es dauerte nochmals 21 Jahre, bis im Jahre 1987 in einer Beilage zur 2. Auflage noch weitere Dokumente veröffentlicht wurden, die nachträglich gefunden wurden. Trotzdem bleiben bis heute noch viele Fragen ungeklärt, denn die vorhandenen Dokumentationen sind nach wie vor lückenhaft. Zudem können Fehler in vereinzelten Nachrichten, Protokollen oder in den Übertragungen der stenographierten Mitschriften nicht ausgeschlossen werden.

    Trotz alleddem können die Absichten Rudolf Steiners recht deutlich erkannt werden. Und so werde ich auch auf dieser Seite zur Geschichte der «Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft» die Vorgänge so darstellen, dass ich es vermeide, mich in unnötige Einzelheiten zu verlieren, um nicht den Blick auf das Ganze zu verlieren.

    Die vier oben aufgeführten «Strömungen» sollten vier Unterabteilung eines Vereins mit dem Namen «Allgemeine Anthroposophische Gesellschaft» werden.

    «Es wird also notwendig sein, daß da bestehen werden die Allgemeine Anthroposophische Gesellschaft als handelsregisterlich eingetragener Verein. Innerhalb dieser Anthroposophischen Gesellschaft werden vier Unterabteilungen zu begründen sein. Diese vier Unterabteilungen sind von mir in der Weise projektiert, daß ich dabei durchaus keine programmatischen Dinge, sondern nur die rein realen Dinge berücksichtige.»

    Rudolf Steiner:
    Die Konstitution der Allgemeine Anthroposophischen Gesellschaft und der Freien Hochschule für Geisteswissenschaft
    GA 260a

    Die hier von Rudolf Steiner genannte Einrichtung «Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft» gibt es zu diesem Zeitpunkt noch nicht und sollte offenbar erst noch gegründet werden (vermutlich am 3. August, s. weiter unten).

    Im Anschluss an die oben zitierte Stelle führt Rudolf Steiner diese vier realen (vorhandenen) Strömungen nochmals auf:

    «Reale, vom Anfang an in lebendiger organischer Tätigkeit wirkende Institutionen, haben wir in vier, ich möchte sagen, vier Strömungen, die da vorliegen. Erstens in der Anthroposophischen Gesellschaft selber,…

    Als zweites innerhalb unserer Bewegung haben wir den
    Philosophisch-Anthroposophischen Verlag, der jetzt nach Dornach übersiedelt ist, und der nicht anders behandelt werden kann, als ein integrierender Teil der anthroposophischen Bewegung selber.

    Die dritte Unterabteilung - wie gesagt, ich zähle historisch auf -, sie würde der
    Verein des Goetheanum in Dornach selber sein, der als dritte Institution entstanden ist,…

    Und als viertes würde sich dann eingliedern das
    Klinisch-Therapeutische Institut, das ja von Frau Dr. Wegman begründet worden ist aus anthroposophischen Grundgedanken heraus.»

    Rudolf Steiner:
    Die Konstitution der Allgemeine Anthroposophischen Gesellschaft und der Freien Hochschule für Geisteswissenschaft
    GA 260a

    Um nun dieses «Verhältnis der Anthroposophischen Gesellschaft zum Bauverein Goetheanum» vorzubereiten, sollte der hier dargestellte «Verein des Goetheanum, der Freien Hochschule für Geisteswissenschaft» in einen übergeordneten Verein mit dem Namen «Allgemeine Anthroposophische Gesellschaft» eingegliedert werden.

    Im Bild dargestellt hat Rudolf Steiner am 29. Juni 1924 demnach folgenden Gesamtorganismus projektiert:

    Stacks Image 1753

    Nachdem dieser projektierte Gesamtorganismus dargestellt war, wurden Satzungsänderungen sowie Veränderungen in der Zusammensetzung des Vorstandes des «Verein des Goetheanum, der Freien Hochschule für Geisteswissenschaft» besprochen und verabschiedet.

    Neben den Satzungsänderungen sollte der Verein eine neue Zusammensetzung der Vorstandsmitglieder bekommen, wobei Rudolf Steiner den Platz des 1. Vorsitzende übernehmen wollte und der bisherige Vorsitzende, Dr. Emil Grosheintz, 2. Vorsitzender werden sollte.

    Von großer Wichtigkeit ist es nun aber sich klar zu machen, dass die Satzungsänderungen, die auf dieser Generalversammlung besprochen und beschlossen wurden, hinterher nicht beim Handelsregister eingetragen und somit auch nicht rechtswirksam umgesetzt wurden.

    Aus den bestehenden Dokumenten ist zu erkennen, dass es vor und nach dieser Generalversammlung verschiedene Überlegungen gab, um das dort beschriebene Ziel zu verwirklichen. Es wurden unterschiedliche Wege eingeschlagen, die dann doch nicht weiter verfolgt und umgesetzt wurden.

    Trotz alledem, das Ziel Rudolf Steiners ist klar erkennbar:
    Die vier bestehenden, realen Ströme sollten einerseits in ihrer Eigenständigkeit bestehen bleiben, und andererseits unter einem gemeinsamen Rechtsdach – einem Verein mit dem Namen «
    Allgemeine Anthroposophische Gesellschaft» – zusammengeführt werden.
    Es ging Rudolf Steiner also erkennbar nie und niemals um die Schaffung bzw. um die Begründung einer Einheitsgesellschaft, im Sinne des «gemischten Königs».

    «Auf geisteswissenschaftlichem Boden vereinigt man sich dadurch, daß man differenziert, individualisiert, nicht daß man zentralisiert.»

    Rudolf Steiner
    «Das Schicksalsjahr 1923 in der Geschichte der Anthroposophischen Gesellschaft»
    Ansprache, GA 259, 28. 02. 1923

  • 3. August 1924: «Gründungsversammlung einer Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft» ?

    Etwa einen Monat nach der oben beschriebenen Generalversammlung, am 3. August 1924, fand vermutlich eine Gründungsversammlung für eine «Allgemeine Anthroposophische Gesellschaft» statt, die ins Handelsregister eingetragen werden sollte. Es ging also offenbar darum, den oben dargestellten «Dachverein» zu begründen, in dem die vier realen Strömungen als eigenständige Unterabteilungen zusammengeführt werden sollten.

    Ein Protokoll von dieser Gründungsversammlung ist bis heute nicht bekannt. Es wurde aber eine
    Rechnung des Notars Altermatt gefunden, in dem er seine Mitwirkung an dieser Gründungsversammlung aufführt. Deshalb darf mit einer gewissen Berechtigung gesagt werden, dass diese Gründungsversammlung am 3. August tatsächlich stattgefunden hat.

    Aber auch hier ist wichtig festzuhalten, dass trotz der Mitwirkung eines Notars nichts von dem rechtswirksam umgesetzt wurde, was hier ein vermutlich sehr kleiner Teilnehmerkreis besprochen und beschlossen hatte.

    Zu rechtswirksamen Statutenänderungen sowie einer Neubesetzung des Vorstands kam es erst etwa ein halbes Jahr später, am 8. Februar 1925.

  • 8. Februar 1925: Erweiterung und Umbenennung des Vereins in «Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft

    An dieser Stelle werde ich zuerst beschreiben, was an diesem 8. Februar rechtswirksam geschehen ist. Die weiteren Einzelheiten dieses wichtigen Tages, die in den Jahrzehnten danach zu unzähligen Missverständnissen, zu heftigsten Streitigkeiten bis hin zu zahlreichen Mitgliederausschlüssen geführt haben, werde ich im Anschluss daran weiter unten beschreiben.

    Ein gutes halbes Jahr nachdem Rudolf Steiner erstmals ausführlich dargestellt hatte, wie er sich die Verbindung von «Mitgliedergesellschaft» und «Trägerverein» vorstellte, fand an diesem 8. Februar 1925 die 4. ausserordentliche Generalversammlung des «Verein des Goetheanum der Freien Hochschule für Geisteswissenschaft» statt. Da Rudolf Steiner seit über 4 Monaten ans Krankenbett gefesselt war, konnte er nicht an der Versammlung teilnehmen und ließ sich durch Dr. Grosheintz vertreten.

    Im Unterschied zur geplanten Vereinsgründung am 6. August 1924 wurde nach der hier beschriebenen 4. ausserordentlichen Generalversammlung ein Beschlussprotokoll beim Handelsregister eingereicht.

    Auch hier ist es von allergrößter Wichtigkeit, dass man sich klar darüber wird, dass die hier getroffenen Beschlüsse nur den «Verein des Goetheanum der Freien Hochschule für Geisteswissenschaft» betrafen. Wie schon am 29. Juni und am 3. August 1924 hatten auch hier die weltweit etwa 12.000 Mitglieder der «Anthroposophischen Gesellschaft» zu diesem Zeitpunkt keine Informationen über das hier Beschlossene. Sie mussten auch nicht informiert werden, denn sie waren ja als Mitglieder der «Anthroposophischen Gesellschaft» von diesen Entscheidungen gar nicht unmittelbar betroffen. Hätten sich die Beschlüsse auf ihre Mitgliedergesellschaft bezogen, hätte man sie selbstverständlich zu einer solchen Versammlung eingeladen müssen. Das dies unzweifelhaft richtig ist, zeigt sich auch in der amtlichen Bescheinigung zu den Änderungen im Handelsregister.

    Mit der Anmeldung der Beschlüsse im Handelsregister und deren öffentlichen Publikation im März 1925 wurde die geplante Verbindung der vier bestehenden, realen Ströme unter einem gemeinsamen Verein «Allgemeine Anthroposophische Gesellschaft» umgesetzt.

    Allerdings wich der hier vollzogene Weg in einigen wichtigen Punkten von den ursprünglichen Plänen des 29. Juni 1924 ab.

    Die wesentlichsten Punkte dieser Änderungen des «Vereins des Goetheanum, der Freien Hochschule für Geisteswissenschaft» waren:

    • Der Verein ändert seinen Namen in «Allgemeine Anthroposophische Gesellschaft»
    • Der Verein erweitert sich durch 4 Unterabteilungen
    • Die Administration des Goetheanum-Baues wird jetzt eine der 4 Unterabteilungen (und nicht mehr der Bauverein selbst)
    • Die Administration der Anthroposophischen Gesellschaft wird Unterabteilung (und nicht mehr die «Anthroposophische Gesellschaft im engeren Sinne»)
    • Der Verein erhält einen komplett neuen Vorstand

    Zu diesen Veränderungen ist im Einzelnen folgendes zu sagen.

    – Als 1. Unterabteilung wird nur noch die «Administration der Anthroposophischen Gesellschaft» in den erweiterten Verein integriert, also nicht mehr die «Anthroposophischen Gesellschaft im engeren Sinne».
    Das bedeutet, Rudolf Steiner wollte die «Anthroposophischen Gesellschaft» von möglichst allen verwaltungsmäßigen Aufgaben – wie z.B. der Verwaltung der Mitglieder und Mitgliederbeiträge – befreien, indem er die Strukturen so einrichtete, dass diese Aufgaben von der neu geschaffenen 1. Unterabteilung im Sinne eines «Dienstleister» für Mitgliedergesellschaft übernommen werden sollte.
    Rudolf Steiner versucht dadurch konsequent umzusetzen, was er schon im Januar des Vorjahres gefordert hatte: «Es ist der Versuch gemacht worden, mit alldem, was Vereinswesen ist, zu brechen …»

    – Als 3. Unterabteilung übernimmt die «Administration des Goetheanum-Baues» die Aufgaben des bisherigen «Verein des Goetheanum der Freien Hochschule für Geisteswissenschaft», der sich ja durch die Statuten-Änderungen zu einer Art «Dachorganisation» erweitert hat. Einige Tage nach dieser Sitzung werden 7 Administratoren berufen, welche des bisherigen «Bauvereins» übernehmen sollten, darunter auch der bisherige 1. Vorsitzende, Dr. Emil Grosheintz.

    – Der Verein erhält einen komplett neuen Vorstand. Dieser ist identisch mit dem Vorstand der freien Mitgliedergesellschaft «Anthroposophische Gesellschaft»:

    • 1. Vorsitzender
      Dr. Rudolf Steiner
    • 2. Vorsitzender
      Albert Steffen
    • Schriftführer
      Dr. Ita Wegman
    • Beisitzer
      Frau Marie Steiner
    • Beisitzer
      Fräulein Dr. Elisabeth Vreede
    • Sekretär und Schatzmeister
      Dr. Guenther Wachsmuth

    Im Bild dargestellt haben wir also nach diesem 8. Februar folgende Situation:

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    Mit der Anmeldung Eintragung im Handelsregister ist also durch Rudolf Steiner das umgesetzt worden, was er seit über einem Jahr als Ziel verfolgt hatte. Diese Eintragung ins Handelsregister war auch der letzte von Rudolf Steiner vollzogene Formakt in dieser rechtlichen Sache.

    Es gab auf der einen Seite nach wie vor die freie Mitgliedergesellschaft mit dem Namen «Anthroposophische Gesellschaft» mit den Statuten, die während der Weihnachtstagung 1923/1924 nach dreifacher Lesung verabschiedet wurden und für damals weltweit ca. 12.000 Mitglieder die Grundlage dieser Gesellschaft bildeten.

    Auf der anderen Seite gab es die «Allgemeine Anthroposophische Gesellschaft», also der umbenannte und in seinen Aufgaben erweiterte Bauverein. Dieser Verein hatte auch nach der ausserordentlichen General-Versammlung vom 8. Februar nur 15 stimmberechtigten Mitgliedern. Daran hat sich durch die im Handelsregister eingetragene Namensänderung und der veränderten Zusammensetzung des Vorstandes nichts geändert.

    Im Bild dargestellt haben wir also nach dem 8. Februar 1925 folgende Situation:

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    Wäre alles so verstanden und danach gehandelt worden, wie es Rudolf Steiner mit den Änderungen des 8. Februar umgesetzt hatte, es wäre nie zu den entsetzlichen Streitigkeiten unter den Mitgliedern der «Anthroposophische Gesellschaft» gekommen. Als freie Mitgliedergesellschaft hätte sich diese «Anthroposophische Gesellschaft» dynamisch entwickeln und eine Ausstrahlungskraft entfalten können, die wir uns kaum vorstellen können.

    Die Tragödie der «Anthroposophischen Gesellschaft» begann also nicht mit, sondern nach dem 8. Februar 1925.

    Der wesentliche Grund für das nun folgende Drama war und ist bis heute, dass die Veränderungen der Statuten des Bauvereins vom 8. Februar 1925 nicht auf diesen selbst, sondern auf die «Anthroposophischen Gesellschaft» bezogen wurden. Das war niemals die Absicht Rudolf Steiners und konnte es auch nie gewesen sein.


    Wie ist es aber zu erklären, dass selbst den engsten Mitarbeitern Rudolf Steiners offenbar nicht wirklich bewusst war, wie er sich die Gesamtstruktur von «freier Mitgliedergesellschaft», «Bau- und Trägerverein» sowie der «Freien Hochschule für Geisteswissenschaft» vorgestellt hat?

    Auf diese Frage gibt es nicht nur eine Antwort.
    Man muss sich einerseits klar darüber werden, dass die meisten von Ihnen mit gänzlich anderen Aufgaben beschäftigt waren. Für sie hatte also die Frage der rechtlichen Gliederung und Strukturierung der vorhandenen Institutionen eher eine zweitrangige Bedeutung. So war beispielsweise Marie Steiner sehr viel auf Reisen, um sich für die Begründung und Entwicklung der Eurythmie und der Sprachgestaltung einzusetzen. Ita Wegman arbeitete mit ganzer Kraft an der Begründung der Anthroposophischen Medizin und war mit der Leitung und dem Aufbau ihrer Klinik beschäftigt.

    Andererseits hatten diese engsten Mitarbeiter in den letzten Wochen vor Rudolf Steiners Tod nur sehr selten die Möglichkeit, Steiner am Krankenbett zu besuchen, daher gab es für sie auch kaum Gesprächs- und Austauschmöglichkeiten mit Rudolf Steiner. So kann man ahnen, dass in dieser schwierigen Situation selbst den Vorstandsmitgliedern das notwendige Verständnis fehlte, wie Rudolf Steiner all diese rechtlichen Fragen im Einzelnen lösen wollte.


    Zu einem weiteren, riesengroßen Problem wurde für die Zeit nach Rudolf Steiners Tod, dass an diesem Tag zwei parallel verlaufende Prozesse stattgefunden haben.

    Da Rudolf Steiner ans Krankenlager gefesselt war, konnte er nicht an der 4. außerordentlichen Generalversammlung teilnehmen und ließ sich deshalb von Dr. Ita Wegman vertreten. Bei dieser Versammlung wurde etwas anderes besprochen, beschlossen und protokolliert als das, was oben auf dieser Seite beschrieben und hinterher rechtlich auch umgesetzt wurde.

    Bei der Generalversammlung am 8. Februar, an der Rudolf Steiner nicht teilgenommen hatte, war von einer «Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft» als «Rechtsnachfolgerin» des «Vereins des Goetheanums, der Freien Hochschule für Geisteswissenschaft» die Rede. Die parallel verlaufenden und im Ziel und Inhalt sich widersprechenden Prozesse führten zu unendliche vielen Missverständnissen, über die später über Jahrzehnte diskutiert und gestritten wurde. Rechtlich umgesetzt wurde von den Beschlüssen dieser Generalversammlung nichts. Die einstimmig verabschiedeten Beschlüsse der Generalversammlung des «Bauvereins» hätten auch gar nicht umgesetzt werden können, denn zu diesem Zeitpunkt gab es ja noch gar keinen eingetragenen Verein mit dem Namen «Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft», der Rechtsnachfolger des «Bauvereins» hätte werden können! Dies hatte man ein halbes Jahr früher, am 6. August 1924, geplant, umgesetzt wurde dies aber auch damals nicht. (s.oben unter: 3. August 1924: Gründungsversammlung einer ‹Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft› ?)

    Rechtlich relevant wurde nur die Anmeldung der Beschlüsse beim Handelsregisteramt, die von Rudolf Steiner unterschrieben und hinterher vom Handelsregisteramt entsprechend veröffentlicht wurde, also das, was hier oben auf dieser Seite beschrieben wurde.

    Inwieweit Rudolf Steiner über die Vorgänge und Beschlüsse dieser Generalversammlung informiert war, ist bis heute nicht geklärt. Ich gehe jedenfalls davon aus, dass er nicht informiert war. Vielmehr muss Rudolf Steiner davon ausgegangen sein, dass in der Versammlung genau das beschlossen worden war, was er mit der Anmeldung ans Handelsregisteramt selbst unterzeichnet hatte.

  • 3. März 1925: Eintragung der Änderungen in das Handelsregister

    Mit dem Datum «3. März 1925» wurde die oben beschriebenen und von Rudolf Steiner unterschriebene «Anmeldung für das Handelsregister» veröffentlicht und damit rechtsgültig. Die von diesen Veränderungen betroffenen Menschen im Umfeld Rudolf Steiners waren darüber informiert und damit in den Prozess einbezogen. So u.a. Ita Wegman und Marie Steiner als Eigentümerinnen der in den neuen Verein eingegliederten Klinik bzw. Verlages.

    Wer nicht über diese gravierenden Veränderungen informiert wurde, waren die vielen Tausend Mitglieder der «Anthroposophischen Gesellschaft». Die mussten aber auch nicht zwingend informiert werden, da sie und ihre «freie Mitgliedergesellschaft» nicht unmittelbar von den Veränderungen des «Bauvereins» betroffen waren. Ihre «Freie Mitgliedergesellschaft» ist nicht wir ursprünglich mal geplant Bestandteil dieses neugestalteten Vereins geworden. Vielmehr sollte dieser umgewandelte Bauverein lediglich die administrativen Aufgaben für diese «freie Mitgliedergesellschaft» übernehmen. Dafür wurde die Unterabteilung «Administration der Anthroposophischen Gesellschaft» in den neugestalteten «Bauverein» eingegliedert. Über diese Veränderung wären die 12.000 Mitglieder vermutlich spätestens bei der nächsten Mitgliederversammlung informiert worden.

    Dass hier nicht nur bei den einfachen, sondern auch bei «prominenten Mitgliedern» wenig Kenntnis und Verständnis in all diesen rechtlichen Vereinsfragen vorhanden und daher eine große Unsicherheit bestand, bezeugt auch ein Brief von Emil Leinhas an den Sekretär der neu begründeten «Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft».


    «Baustelle»
    Wird weiter bearbeitet, sobald es mir möglich ist!

  • 22. März 1925: Mitteilung des Vorstandes

  • 30. März 1925: Rudolf Steiners Tod

  • 29. Dezember 1925: Erste General-Versammlung der «Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft»

  • 14. April 1935: Die Mitgliederausschlüsse bei der Generalversammlung

  • 30. April 1950: «Notwendige Abwehr»

  • Die «Allgemeine Anthroposophische Gesellschaft» heute

  • Links zum Thema

    Statuten der Anthroposophischen Gesellschaft (heute leider «Prinzipien» genannt)



    Zur Lage der Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft
    Probleme – Versäumnisse – Aufgaben
    Ein Memorandum


    Viele interessante Artikel, auch zur Geschichte der Anthroposophischen Gesellschaft:
    Anthroweb / Anthroblock